Das Kind beim Jesuskinde

Luise Hensel (1798-1876), Berlin, 1818
Süße Mutter, sei gegrüßet!
Zeig' mir doch dies Kindelein,
Das Dein reiner Arm umschließet;
Sag': ist das mein Brüderlein?

Schaut so ernsthaft und so sinnig,
Blickt so zärtlich doch und lind.
Sel'ge Mutter, fromm und innig,
Ja, Du hast das schönste Kind. –

Kind, was bring' ich nur für Gaben
Her in Deinen dunkeln Stall?
Willst Du all mein Spielzeug haben?
Meine Puppe? meinen Ball?

Alle Blumen will ich bringen,
Die in meinem Garten stehn,
Will Dir singen, will Dir springen,
Nimmer wieder von Dir gehn.

Sag' mir nur: Was soll ich machen?
Kränz' und Krönlein, bunt und blank?
Soll ich weinen oder lachen?
Willst Du Flöt' und Zitherklang?

Was Du willst, das sollst Du haben,
Gieb mir nur Dein Händelein. –
Fahrt nur hin, ihr andern Knaben!
Ich kann eu'r Gespiel nicht sein. –

Laß mich eine Stell' erwerben,
Kind, im Reich, das Du erwirbst!
Lehr' mich leben, lehr' mich sterben,
Wie Du lebst und wie Du stirbst. –

Nun, Maria! voll Erbarmen
Reiche mir Dein Kindelein,
Daß ich zärtlich in den Armen
Wiege solch ein Brüderlein.

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